Raum und Zeit

Wenn ich an das traurige Leben von Menschen denke, die in Ländern mit totalitären Regimen, wie z.B. Nordkorea, leben, dann wird mir wieder bewusst, was es bedeutet in Freiheit zu leben. Diese Menschen wissen gar nicht, was ein freies Leben ist. Sie mögen es sich vorstellen können, aber selbst erfahren, haben sie es nie.

Freiheit ist ein unschätzbar hohes Gut. Und dennoch gibt es Menschen, die sich auch in demokratisch geführten Ländern nicht frei fühlen. Denn das politische System eines Landes ist nicht der einzige Indikator für die Freiheit. Man kann in einem Land leben, das einem alle Möglichkeiten bietet, sich politisch und gesellschaftlich einzubringen, sich frei zu bewegen, seine Meinung zu äußern, an Demonstrationen teil zu nehmen, etc. Das heißt jedoch nicht, dass wir, die wir in demokratischen Ländern leben, alle „gleich frei“ sind. Wer nach seiner Arbeit noch putzen geht, um geradeso über die Runden zu kommen und abends nach Hause kommt, kaum noch fähig, irgendetwas anzufangen, vor Müdigkeit ins Bett fallend, um am nächsten Tag wieder von vorne anzufangen, lebt weniger frei als jemand mit gut bezahltem Job und geregelten Arbeitszeiten.

Und doch hat der „Nebenjobber“ die gleichen Chancen! Theoretisch! Er hätte auch studieren können, sich hocharbeiten und weiter bilden können. Wie gesagt: theoretisch!

Ich denke, wesentliche „Basisparameter“ werden uns von Geburt an in die Wiege gelegt.

Wir leben einfach so vor uns hin, ohne inne zu halten und uns darüber klar zu werden WIE wir eigentlich leben wollen und WAS es dazu braucht, um so zu leben, wie wir es gerne hätten.

Unsere Sicht ist vernebelt von allerlei Reizen der Wohlstandsgesellschaft. Wir schauen, wie andere Leben, welches Auto sie fahren, welchen Job sie haben, welchen Lebensstandard. Wir schauen, ob sie glücklich liiert sind, Familie haben, welche Urlaube sie machen, wie viele Freunde sie haben. Wir schauen, wie intelligent sie sind, welche Sprachen sie beherrschen, wie eloquent sie sind, welche Wertschätzung sie erfahren.

Wir sehen die anderen, stellen Vergleiche an und sehen den Mangel. Aber wir werden nicht erfahren, was wir wollen, wenn wir unseren Blick auf andere richten. Das klingt einfach, ist es aber überhaupt nicht. Denn ein Großteil unserer Bedürfnisse ist das Ergebnis der gesellschaftlichen Prägung. Wir haben also eine Unmenge an Bedürfnissen, die uns geißeln, uns scheinbar ein Stück Freiheit nehmen, falls diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden können.

Der Anreiz zu meinen Gedanken kommt von Julia. Es wertschätzen zu können, dass man sehen, fühlen, riechen, gehen, sprechen, hören kann. In der Lage zu sein, das Leben in sich auf zu saugen, den Moment zu genießen, die Kleinigkeiten wahr zu nehmen und zu wissen….das alles ist es bereits: das Wunder des Lebens. Je bewusster man sich darüber wird, wie unglaublich das Leben ist, desto kleiner erscheinen die Sorgen des Alltags.

Der Pianist, der vor riesigem Publikum auftritt, möchte sich nicht blamieren. Jetzt zählt der Moment, die ganze Aufmerksamkeit ist auf diesen einen Auftritt fokussiert. Die Welt dreht sich ausschließlich um diesen Auftritt, da jeder Anschlag, jeder Ton zählt. Das ist das Leben in diesem Moment. Für den Pianisten ist es alles, die ganze Welt.

Ein Astronaut, der aus seiner Raumstation die Erde sieht, einen blauen Ball umgeben von schwarz, der denkt sich womöglich: „Und da unten leben sie, die Menschen, ein wildes Gewusel. Wie unbedeutend erscheinen von hier aus gesehen, die kleinen Leben.“

In diesem Gewusel sind wir umgeben von Menschen, für die die Welt beschränkt ist, und zwar auf das, was sie gerade beschäftigt. Und uns beschäftigt vieles, beruflich und privat

Wir verlieren den Blick auf das Leben, auf das, was das Leben alles an wunderlichen Dingen bietet.

Und das ist es wohl auch, was ich als „Spinnerei“ bezeichne. Ich möchte einfach mal spinnen dürfen, das Leben aufsaugen, so wie gestern, eine scheinbar seltsame Art der Annäherung ausprobieren, experimentieren, meinen Bewegungsspielraum erweitern.

Wir sind frei und unfrei zugleich. „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert!“ Wer sich geniert, ist nicht frei. Und doch bleibt es eine Fiktion. Denn ich nehme mich da überhaupt nicht raus, bin ebenso gesellschaftlich geprägt, wie jeder andere auch. Nur bin ich mir bewusst darüber. Und verharre manchmal in scheinbar völlig unbedeutenden Situationen, um einfach mal das Leben wahr zu nehmen: die Geräusche, den Geruch, die Stimmung, Raum und Zeit.

Fußpetting

Auf der Heimfahrt saß ich im 6er-Abteil der ersten Klasse. Neben mir saß ein Kollege aus der Besprechung. Und da war da noch ein Dreiergespann, die ebenfalls Kollegen untereinander waren; darunter eine attraktive Frau, die mir gefiel. Sie trug keinen Ehering. Je länger wir unterwegs waren, desto stärker überkam mich das Bedürfnis, mit ihr in Kontakt zu treten. Sie saß schräg gegenüber von mir. Ich streckte mein rechtes Bein in ihren Bereich, in der Hoffnung, dass sich unsere Füße berühren und unsere Füße sich gegenseitig kennen lernen durch Signale und Bewegungen. 
Sie lächelte in sich hinein. Ich spürte Flugzeuge in meinem Bauch. Als ich auf die Toilette ging, vernahm ich eine leichte Feuchte in meiner Unterhose. Also war ich auch erregt. 

Ich hatte den Eindruck, sie würde sich auf mein Spiel einlassen. Ich rückte meinen Fuß immer näher zu ihrem und wippte etwas. Das ging vielleicht 1,5 Stunden so. Aber sie ging darauf nicht ein. 

„Das ist jetzt so eine Situation, in der ich mein Schicksal herausfordere.“ dachte ich mir. Die Gelegenheit ist da, und ich blieb auch nicht untätig. 

Doch es hat nicht sollen sein. Nach dieser Erfahrung stehe ich nun hier und habe dieses tiefe Verlangen nach Zärtlichkeit und Liebe. Es fühlt sich an, wie ein Verlust. Warum verfickt nochmal sollte mich mein Schicksal auch unterstützen!? Das tut es nie, wenn es darum geht, eine Frau kennenzulernen.

Ja, es mag verrückt sein, meine Art, wie ich mich ihr annähern wollte. Aber das liebe ich so sehr, das Verrückte. Wenn es funktioniert hätte, wäre es der reinste Wahnsinn gewesen – was für eine Art, sich näher zu kommen. Einfach herrlich verspielt.

Was mache ich nun mit dieser Erfahrung? Heute Abend? Vermutlich mich selbst verwöhnen. Halt so, wie es Singles tun müssen, wenn sie keine Alternative haben. Und nach Bordell ist mir nicht zumute. Zum einen ist Brigitta nicht da, zum anderen passt es nun nicht zu meinen Sehnsüchten, die sich in mir aufgebaut haben. Jetzt ist mir sehr danach, geliebt zu werden, mit jeder Faser meines Seins. 

Berlin

Wenn man mich unwissentlich nach Berlin in die Kneipe beamen würde, in der ich mich gerade befinde… ich würde sofort auf Berlin tippen. Eine coole schummrige Raucherbar mit extravagantem Publikum. 

In Berlin braucht man einfach nur umher zu schlendern und schon findet man einen Ort zum Verweilen und abdriften in eine andere Welt. Es riecht hier aber auch ganz schön nach Gras. Wie sollte es auch anders sein!? Ich habe das selbst neulich mit einer Freundin ausprobiert. Geschmeckt hat es mir nicht und high bin ich davon auch nicht geworden. Irgendwie scheint das bei mir nicht zu wirken. Ist wohl auch besser so. Nehme ja schon genug (legale) Substanzen gegen meine Depressionen. 

Ich habe die Nacht nur 3 Stunden geschlafen, den restlichen Schlaf habe ich im Zug nachgeholt. Die Besprechung ging von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Danach habe ich in meinem Hotel eingecheckt und bin zum Hackerschen Markt gefahren. 

Ich wusste nicht so recht, was tun. Also bin ich zu den Hackerschen Höfen gegangen und habe dann diese dunkle, schummrige Bar entdeckt. Genau das Richtige für einen Abend nach einem anstrengenden Besprechungsmarathon. 

Mal gucken, was noch passiert. Ob ich hier wohl Leute kennen lernen werde? Mhh… 

Morgen geht’s weiter mit Besprechung und am Abend wieder nach Hause. Dann ist auch schon bald wieder Wochenende 🙂 

Schlaflos in…

Meine Blockaden bin ich zum Glück los geworden. Ich denke, dass mein Sportprogramm geholfen hat. Gestern war ich 2,5 Stunden trainieren und danach noch schwimmen und in der Sauna. Heute war ich 1,5 Stunden laufen.

Ich konnte heute auch arbeiten. Was heißt heute!? Es ist ja schon morgen, also Dienstag.

Die Nacht wird kurz. Ich muss schon um 4.30 Uhr aufstehen, weil ich morgen zu unchristlicher Zeit mit dem Zug in eine entfernte Stadt fahren muss – zu einem 2-tägigen Workshop. Mit Depressionen wäre das undenkbar gewesen. Mal schauen, wie ich diese zwei Tage überstehe.

Warum ich noch nicht im Bett bin? Ich hoffe, im Zug schlafen zu können.

Die letzten Tage waren vielleicht ein Warnschuss. Die Depression hat sich zurück gemeldet, und das ist sehr unangenehm. Ich weiß jetzt, dass meine Tabletten nicht das Allheilmittel sind und ich weiterhin gefährdet bin, psychisch zu erkranken. Ich werde auf der Hut sein, so gut es eben geht.

Ein Leben

Ich frage mich immer, durch was meine Depressionen ausgelöst werden. In aller Regel gibt es einen oder mehrere Auslöser. Die letzte große Depression in 2015 wurde vermutlich durch Druck am Arbeitsplatz ausgelöst. Aber nicht nur das. Es sind mehrere Dinge, die zusammenkommen, in meinem Falle wohl Mangelerscheinungen, wie fehlende Bestätigung, Unter- oder Überforderung, fehlende menschliche Wärme, zu wenig Feedback.

Ich war lange Zeit im Großen und Ganzen zufrieden mit meinem Singledasein, auch wenn ich lieber eine Freundin hätte. Aber ich bin aufgegangen in meinen Hobbies, im Sport. Man merkt oft gar nicht, was einem eigentlich fehlt. Dann bin ich wieder neugierig geworden und wollte schauen, ob die Datingportale nicht doch eine Chance bieten, eine Frau kennen zu lernen. Und prompt bin ich damit wieder auf die Nase gefallen. Trostloser geht es kaum noch. Es ist Schwerstarbeit, auf sich aufmerksam zu machen, überhaupt mal eine Frau dazu zu bringen, dass sie eine Nachricht liest, die man ihr schickt. Bereits nach einer Woche war ich desillusioniert und meldete mich wieder ab.

Dann kam der innerliche Absturz. Die Depression meldete sich zurück. Und so liegt der Verdacht nahe, dass meine negative Erfahrungen auf der Suche nach einer Partnerin der Auslöser für meinen Absturz ist. Man kann es nur vermuten.

In mir formiert sich dann schnell ein tiefer Frust und ein Zorn auf mein Schicksal. Dieses Gemisch zieht mich schnell nach unten. Ich bezichtige mich selbst der Unfähigkeit, eine Freundin zu finden.

Es geht einher mit dem Gefühl, wertlos zu sein, nicht attraktiv, uninteressant. Man kann mich in den Mülleimer treten. Es ist doch etwas ganz simples und normales, einen Partner zu haben. Ganz natürlich. Bei mir ist es ein Krampf ohne Ende, eine Katastrophe.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ich nach einer Partnerin suche oder selbstzufrieden mein Singledasein genieße. Es ergeben sich keine Situationen, in denen mir das Schicksal die Chance eröffnet, SIE kennen zu lernen.

Und dann beginnt bald die Phase der Selbstzerstörung, der Wut auf sich selbst, einen Dreck wert zu sein, einen verdammten Scheißdreck! Unfähig hoch zehn! Ein Idiot, der nichts gebacken kriegt!

Und dann geht es wie in einer Achterbahn steil nach unten, schlagartig in den Tiefen der Depression verharrend, blockiert und unfähig auch nur die kleinsten Schritte zu gehen.

Es spielt auch keine Rolle, wer ich bin. Wen sollte das interessieren, dass ich vielseitig interessiert bin, offen für alles Mögliche, spontan, sportlich, gebildet, kultiviert, umgänglich, freundlich, hilfsbereit?

Man könnte meinen, dass ein Single mit solchen Attributen keine Probleme haben dürfte, einen Partner zu finden.

Dann kommt der Teufelskreis. Der Frust macht mich unattraktiv, versperrt mir die Sicht, macht mich depressiv – und dann bin ich unfähig, mich auf eine Beziehung einzulassen. Ich sehe hier alle meine Kollegen in Beziehungen, mit Familie und Kindern. Und ich bin der Depp vom Dienst.

Dann kommt die Trotzphase, in der mir alles egal ist. Ich male mir meine Zukunft in den dunkelsten Farben aus. Ich verliere meinen Job, bin unfähig zu arbeiten, werde Geldprobleme bekommen, kann meinen Lebensstandard nicht mehr halten und schmiere vollkommen ab. Dann werde ich total im Arsch sein und mich dazu entscheiden, auf der Verliererseite stehen zu bleiben, nicht mehr zurück zu wollen in das vorige Leben. Dann habe ich abgeschlossen mit meinem Leben. Es kann kommen, was will. Mich haut nichts mehr um.

Ich bin nicht stolz auf mich und das was ich bin. Ich habe es nie gut verstanden, Menschen für mich zu gewinnen. Hin und wieder verlerne ich das Leben, weiß nicht mehr, wie man lebt. Dabei ist so viel Potential vorhanden, die Voraussetzungen für ein schönes Leben gegeben.

Seltsamerweise habe ich mehr den Wunsch danach, zu lieben, als geliebt zu werden. Vielleicht vergleichbar, wenn man einen lieben Hund sieht, den man gerne streichelt, weil man ihn sofort in sein Herz geschlossen hat. Und so ähnlich geht es mir bei Brigitta. Ich habe sie in mein Herz geschlossen und möchte sie streicheln, zärtlich und gut zu ihr sein, ihr das Gefühl zu geben, geliebt zu sein.

In diesem Gefühlszustand bin ich weit weg, gehöre nicht hierher ins Büro, wo sich Kollegen zum gemeinsamen Mittagessen formieren und ganz selbstverständlich miteinander reden. Ich fühle mich nicht zugehörig. Ich lebe in einer anderen Welt – und so gehe ich alleine in die Kantine. Die „normalen“ Gespräche wären für mich unerträglich. Das Verstecken, nicht-so-sein-dürfen-wie-man-ist-und-fühlt, das Anderssein, das Unverständnis. Nein nein, da prallen Welten aufeinander.

Ich wäre gern mehr als ein kleines Zahnrädchen im Getriebe. Zurzeit fühle ich mich mehr als ein Sandkorn im Getriebe. Mein Traum war es immer, der Gesellschaft etwas zu geben. Im Kleinen tue ich das auch. Ich veröffentliche alles im Internet, von dem ich ausgehe, dass es anderen helfen kann. Und so habe ich schon Unmengen an Tutorials und Leitfäden zu allen möglichen Themen veröffentlicht. Das Geben gibt mir viel.

Und dann wäre da wohl auch der Konflikt mit meiner Arbeit im Büro, die mir so gar nicht das Gefühl gibt, etwas sinnvolles zu tun, einen wichtigen Beitrag zu leisten – auch das kann ein Auslöser einer Depression sein.

Immerhin bin ich momentan nicht blockiert. Mal gucken, ob ich rausfinde aus meinem Loch. Falls nicht, dann ist es eine der vielen Stories, in denen es einem Menschen nicht gelungen ist, das Leben zu führen, das er gerne hätte. Nachlesen kann man es hier, auf diesem Blog. Augen zu und durch.

Brigitta

Der Film hat mir gut gefallen. Nach der Vorstellung war meine Blockade im Kopf erstmal weg, aber nun ist sie wieder da, in voller Blüte. Es ist ein unvorstellbar scheußliches Gefühl, es ist die Unfähigkeit, klar zu denken und zu fühlen, als wäre der Kopf in einer Schraubzwinge. Seit ich angefangen habe, die Medikamente zu nehmen, hatte ich dieses Gefühl 1,5 Jahre nicht mehr. Nun scheinen die Medikamente nicht mehr zu wirken, und ich versuche auf andere Art von dem Gefühl wegzukommen, durch Wärme. Weiterlesen