Vielen Dank für das Leben

Eigentlich sollte mein nächstes Buch „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara sein, da es gute Kritiken hatte und von den meisten Lesern hoch gelobt wurde. Ich konnte jedoch weder mit der – kaum vorhandenen – Geschichte, noch mit den Protagonisten etwas anfangen. Nach 125 Seiten (von 960) habe ich aufgegeben.

Ich kehre dann bei solchen Fehlgriffen gerne zu Autoren zurück, von denen ich bereits Bücher gelesen habe, die mir gefielen. Und so fiel meine Wahl auf „Vielen Dank für das Leben“ von Sybille Berg, nachdem ich bereits „Der Mann schläft“ von ihr gerne gelesen habe.

Ich bin kein guter Buchrezensent. Ich kann sehr gut technische Geräte oder andere Gebrauchsgegenstände bewerten. Bei Literatur tue ich mich jedoch schwer. Ich bewundere die Literaturkritiker, die so eloquent beschreiben können, was sie an einem Roman fesselt oder was sie abstößt.

Aber hier in meinem Blog ist ja alles erlaubt, und so schreibe ich einfach, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ohne es zu werten.

Also, Sybille Berg schreibt unaufgeregt, ruhig, aber sarkastisch und depressiv, dabei mit viel Gesellschaftskritik. Das war bei „Der Mann schläft“ so und ist es auch bei „Vielen Dank für das Leben“. Ich mag jedoch ihren Schreibstil, und ihre Romane fesseln mich.

Bei „Vielen Dank für das Leben“ geht es um den Zwitter Toto, der im tristen Alltag der DDR, ungeliebt und ignoriert aufwächst und im Jugendalter in den Westen geschmuggelt wird, um dort ebenso ungeliebt und verstoßen sein Leben als geschlechtliches Etwas fortzusetzen. In der ersten Hälfte „seines“ Lebens ist Toto ein Mann, entschließt sich jedoch in der zweiten Hälfte als Frau weiter zu leben, zumal sich Toto mehr als Frau, denn als Mann fühlt. Die große Leidenschaft von Toto ist das Singen, das die Menschen auf eine unheimliche Weise berührt und in Bann zieht. Der Gesang von Toto ist geradezu außergewöhnlich, wie etwas, das es noch nie gab. Toto’s Gesang ist auch das Einzige, dem Toto eine gewisse Anerkennung seiner Mitmenschen beschert. Ansonsten erfährt Toto, ein liebenswerter und genügsamer Mensch, der gerne für andere da ist und mit anderen mitleidet, die gesamte Kälte der Menschheit sowie die nackte Brutalität einer Gesellschaft, die unfähig zu sein scheint, mit vermeintlichen Missgeburten wie Toto umzugehen. Eine traurige Geschichte, die berührt.

Na, ich werde mich hin und wieder mal im Rezensieren üben. Vielleicht lerne ich es ja noch ;-).

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Pervers

Was sind wir doch für eine armselige Gesellschaft geworden, in der es ein Krampf ist einander kennen zu lernen. Diese modernen und inzwischen üblichen Methoden, sich kennen zu lernen, sind einfach nur krank. Da schreibe ich einer Dame, die mich ebenso geherzt hat wie ich sie und was macht sie? Sie löst den Match einfach auf – ohne ein Wort, ohne eine Erklärung. Würde sie das im wahren Leben, wenn wir einander gegenüber ständen auch so tun? Einfach umdrehen und gehen ohne ein Wort?

Die Menschen bedenken nicht, dass ihre Onlineverhaltensweisen eine Reaktion auf der anderen Seite auslösen, die ebenso kränkend und schmerzlich sein kann, wie im „echten“ Leben. Es ist feige und respektlos so zu agieren. Aber es ist leider kein Einzelfall, sondern inzwischen die Regel.

Mit einer Frau hatte ich eine Weile Nachrichten ausgetauscht, bis sie irgendwann einfach aufgehört hat, zu schreiben. Einfach so! Ohne Grund! Und mir kann keiner erzählen, dass er/sie keine Zeit hat, um sich 5 Minuten am Tag zu nehmen, um etwas zu schreiben. Das kann nicht sein. Und wenn es so ist, bedeutet es einem nichts.

Wir Menschen behandeln uns gegenseitig wie Scheißdreck. Die Onlinewelt nimmt heute leider schon einen Großteil unserer realen Welt ein, aber die Verhaltensweisen in der Onlinewelt entsprechen nicht der Art, wie man sich von Angesicht zu Angesicht verhalten würde. Man klickt ja einfach nur eine virtuelle Person weg – egal, wie sehr er sich nach einer Nachricht verzehrt, sich darüber gefreut hätte. „Ich schieße ihn einfach ab!“ Ex und hopp!

Ich habe die App nun von meinem Smartphone gelöscht. Dazu bin ich mir zu schade, um mich derart respektlos behandeln zu lassen.

Verstehen kann ich es nicht, warum ich auf dem Zahnfleisch gehe und niemanden kennenlerne. Da ist nichts in Aussicht, lauter trübe Tassen.

Ich bin tier- und naturliebend, offen, kann gut zuhören, verständnisvoll, gut situiert, interessiert an Politik und Weltgeschehen wie auch an Kunst und Kultur. Ich spreche drei Sprachen, bin gebildet und lese gerne. Ich treibe gerne Sport, aber kein Leistungssport, sehe halbwegs vernünftig aus, bin gesund und lebensfroh. Noch lieber wäre es mir mit der richtigen Frau an meiner Seite. Aber mein Schicksal scheint es nicht zu wollen. Es macht mir stets einen Strich durch die Rechnung, da kann ich machen was ich will. Es ist immer der Wurm drin. Und ich verstehe es nicht.

Ich war schon lange nicht mehr im Puff. Diese Woche ist meine Lieblingsprostituierte anwesend. Ich denke, ich werde die Tage mal wieder hingehen. Es ist für mich wohl die einzige Chance, körperliche Wärme zu bekommen. Nein, verstehen tue ich es nicht, und ich fühle mich momentan auch ziemlich vor den Kopf gestoßen, ob des unsrespektablen Umgangs. Ich würde mich wahnsinnig gerne rächen. Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Ich habe so wahnsinnig das Bedürfnis, für all die Kränkungen die mir widerfahren sind zu rächen. Ich bin stocksauer auf das weibliche Geschlecht. Ganz ehrlich! Denn sie jammern rum, sie würden nur Spackos kennenlernen, die auf eine schnelle Nummer aus sind, aber wenn sie mich kennenlernen, die garantiert nicht zu der Sorte Männer zählt, ist es ihnen auch nicht genehm. Ja, habe ich denn die Krätze oder was!? Ist meine Aura einem übergelaufenen Mülleimer entsprechend? Steht auf meiner Stirn: „Ich bin ein Arschloch! Macht mich alle fertig!“???

Mir vergeht immer mehr die Lust auf meine Artgenossen (MENSCH). Unsere Gesellschaft weiß gar nicht, wie gestört sie ist. Wer da nicht krank wird, hat einen an der Waffel!

Männerklüngel

Meistens lege ich ein Buch zur Seite bevor ich mich durchquäle.  Ich lasse dem Buch natürlich schon eine Chance und schaue erst, ob sich die Geschichte vielleicht doch noch so entwickelt, dass ich das Buch gerne lesen mag. Aber spätestens nach dem ersten Drittel sollte feststehen, ob es sich lohn weiter zu lesen oder besser ist, ein anderes Buch anzufangen.

Mein letzter Roman von Thommie Bayer „Vier Arten die Liebe zu vergessen“ handelte von 4 Freunden, die sich nach einer langen Zeit auf einer Beerdigung einer gemeinsamen Freundin getroffen haben und gemeinsam eine Weile zusammen in Venedig bei einem der vier Freunde wohnen. Es ging um Freundschaft, Vergangenheit, Neid, Eifersucht, Liebe. Vier grundverschiedene Charaktere, die nicht so recht zueinander finden wollen.

Ich fand das Buch ziemlich uninteressant, die Geschichte belanglos, die Charaktere unsympathisch. Dennoch habe ich es zu Ende gelesen; weil es nicht so schrecklich war, dass ich es nicht hätte bis zu Ende lesen können.

Nun, geht man nach der Beschreibung meines nächsten Buches „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, könnte man glatt meinen, es wäre ein Abklatsch von „Vier Arten die Liebe zu vergessen“:

„Ein wenig Leben“ handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben.

Es hat jedoch fast ausnahmslos gute Rezensionen. Wenn sich der Roman gut liest, wird es in diesem Jahr wohl mein letztes Buch sein; denn es hat in der Taschenbuchausgabe immerhin 960 Seiten. Und ich zähle nicht zu den schnellen Lesern. Dann dürfte ich in diesem Jahr genug über Männerfreundschaften gelesen haben und darf mich dann im nächsten Jahr vielleicht wieder damit beschäftigen, wie es denn in der Romanwelt zwischen Mann und Frau bestellt ist.

Jenseits

Du sagtest, ein morgen wäre gestern schon vorbei.

Ich sagte, ein gestern wird heute nicht mehr sein

Wir glaubten, die Zukunft wäre unerreichbar und die Vergangenheit bereits gestorben.

Dabei wussten wir beide nichts über die Zeit. Wie auch? Es gibt sie ja nicht.

Zusammen gingen wir Hand in Hand durch die Felder eines trüben Novembertages und vergaßen dabei das, was war und dachten auch nicht über das, was  kommen mag.

Denn mehr als uns brauchten wir in jenen Stunden der Zweisamkeit nicht. Wir genügten uns selbst.

Wenn ich zurück denke, mich umdrehe und zurückschaue, sehe ich mich, wie ich anfing, die Worte zu schreiben….DU SAGTEST EIN MORGEN WÄRE GESTERN SCHON VORBEI. Tatsächlich ist das bereits Vergangenheit – und doch hat die Vergangenheit mit der Zeit nichts zu tun.

Kaum konnte ich es abwarten SIE zu treffen, SIE endlich in die Arme zu schießen und ihren Duft einzuatmen. War es soweit, war es auch schon wieder vorbei.

Schaut ein Vogel etwa auf seine Armbanduhr? Schickt er seine Kinder um 19.00 Uhr zu Bett? Was weiß schon ein Vogel über die Zeit. Er weiß etwas über den Sonnenauf- und den Sonnenuntergang. Aber die Zeit ist eine Erfindung der Menschheit – eine Krücke, um sich irgendwie orientieren zu können.

Wenn es die Zeit, wie sie die Menschen erfunden hat, tatsächlich gäbe, würde sich gar nichts mehr bewegen – die Welt würde aufhören sich zu drehen, wir würden aufhören, voran zu kommen. Die Zeit und alles um sie herum würde sich in ihrer eigenen Unendlichkeit ergießen und nicht mehr an der Oberfläche auftauchen. Sie würde uns mit sich reißen und ins Jenseits befördern.

Oberflächliche Tiefgründigkeit

Ich möchte keine Menschen kennenlernen, die sofort tiefgründige Gespräche führen möchten. Denn es ist unehrlich. Es gibt dem Kennenlernen nicht den nötigen Raum. Es wäre so, als wollte man mit einem Auto sofort 100 km/h fahren und nicht die wenigen Sekunden abwarten, die es braucht, bis der Wagen beschleunigt hat – also die Physik völlig außer Acht lassend.

Also erwarte ich sogar von einer Frau, die ich kennenlerne, dass sie es zulässt, mit Small Talk zu beginnen und mir nicht gleich ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Denn erst ein Treffen entscheidet darüber, wie die Chancen für eine Partnerschaft stehen. Da kann man sich noch so schöne Fotos und schöne Geschichten austauschen – das Wichtigste kann kein Treffen ersetzen: Gestik, Mimik, Geruch. Die Chemie muss stimmen, und das kommt nicht von Ungefähr.

Da wären so banale Dinge wie…

  • Was ist Dein Leibgericht?
  • Was ist Deine Lieblingsfarbe?
  • Hast Du Geschwister?
  • Wo bist Du aufgewachsen?

Später kann man das ganze dann etwas steigern:

  • Warum magst Du Pizza am Liebsten?
  • Wieso ist ROT Deine Lieblingsfarbe? Woran machst Du das fest?
  • Verstehst Du Dich gut mit Deinen Geschwistern? Seht Ihr Euch oft?
  • Hattest Du eine schöne Kindheit? Was hast Du gespielt als Du klein warst?

Und wenn man dann richtig warm ist….

  • Backen wir demnächst bei mir mal zusammen eine Pizza?
  • Ich mag rot auch sehr. Vor allem das ROT Deiner Lippen! Es soll Menschen geben, die können Farben schmecken…..schonmal davon gehört?
  • Stell mir doch Deine Geschwister mal vor….
  • Vielleicht zeigst Du mir mal demnächst den Ort, wo Du aufgewachsen bist?

Wie geht’s? Danke fürs Liken!

Ja, danke auch. Nach einem Match lasse ich gerne dem Mann den ersten Schritt zur Kontaktaufnahme. Aber schön, dass Du Dich meldest.

Und es hat Dich nicht gestört, dass ich die Kontaktaufnahme mit „Wie geht’s?“ eröffnet habe?

Nein! Du hast ja immerhin noch einen Satz dran gehängt, und das ist schon wesentlich mehr, als man hier erwarten darf!

Wieso herrscht in diesen Datingapps eigentlich immer so ein Krieg der Geschlechter? Hier wird ja allen Männern unterstellt, sie wären nur auf eine schnelle Nummer aus. Das ist sicherlich nicht so. Es mag einige Männer geben, die darauf aus sind, aber es wird die Minderheit sein – alles andere wäre ein Armutszeugnis für die Männer.

Also ich gehöre nicht zu den Frauen, die das behaupten und kann auch sagen, dass es nicht so ist. Ich zähle mich auch nicht zu den affektierten Tussis, die sich mit Perlenkettchen und Sommerkleidchen ablichten lässt, als entspränge sie frisch der „Raffaelo-Werbung“ und sich dann beschwert, dass sie hier keinen George Clooney trifft – hahaha, bei einer Gratis-App, bei der ein Swipen über IN oder OUT entscheidet! Das ist doch lachhaft!

Ja und genau das hat mir an Deinem Profil gefallen. Es war nicht aufgesetzt, nicht affektiert, keine Romane, keine ellenlangen Erwartungen und Vorhaltungen an die Männer, die sowieso keiner liest.

………..

Man lernt sich kennen, langsam, ein Gespräch entwickelt sich. Es fängt mit Banalitäten an. Das ist alles gut und richtig so! Manche Menschen wollen mit Gewalt alles sofort und das perfekt! Wie langweilig!

Tiefgründige Oberflächlichkeit

Wenn ich noch den Brechreiz von vor einigen Tagen im Magen hätte, hätte ich mich nach dem Betrachten einiger Profilbilder der Datingapp schon längst übergeben müssen. Es ist unglaublich, welch‘ scheußliche Bilder die Frauen von sich veröffentlichen. Und wenn sie nicht scheußlich sind, sind sie verschwommen, total unterbelichtet, mit Sonnenbrille oder im dicken Skianzug…dann noch allerlei Sprüche anstatt Fotos von der Person….oder das Motorrad. Hä? Interessiert mich das Motorrad einer Frau? Ich weiß, wie ein Motorrad aussieht.

Wenn das der Querschnitt unserer Gesellschaft ist, liegen wir alle mit hohem Fieber im Bett. Wir merken es nur nicht mehr.

Die Frauen wollen auch sofort tiefgründige Gespräche mit einer unbekannten Person führen. Und ein „Wie geht’s?“ ist verboten! Im Französischen ist ein „Ça va?“ eine freundliche Geste. Was ist so schlimm daran, die Kontaktaufnahme mit einem „Wie geht’s?“ zu beginnen? Kann ich nicht nachvollziehen. Wann beginnt die Tiefgründigkeit und wann verlässt man die Oberflächlichkeit?

Okay, alles klar! Dann werde ich mal einen Blueprint für eine Kontaktaufnahme entwerfen…..

Ich habe mir schon in jungen Jahren über den imperativen Existenzialismus der liberalisierten (bewusst nicht liberalen) Gesellschaft Gedanken gemacht, bin aber nie über den Punkt hinausgekommen, da die hedonistischen Grundsätze die Vermeidung jeglichen Schmerzes und Unbehagens im Ansatz des marxistischen Glaubensbekenntnisses durch ein ambivalentes Rotationstheorem unumkehrbar in einer Sackgasse haben enden lassen.

Mich würde hierzu Deine Meinung interessieren? Aber bitte mit fundierter Analyse!

Das ist doch mal was anderes als ein „Wie geht’s?“, das übertragen auf die Onlinekommunikation auch als ein Hinterherpfeifen einer als attraktiv empfundenen Frau gedeutet werden kann – und das gilt heutzutage als rüpelhaft!

Warum sich nicht einfach philosophierend kennenlernen und gemeinsam die Freuden der tiefgreifenden Analyse teilen, um dann irgendwann festzustellen, dass man auf einer gemeinsamen Welle des Intellekts reitet und dies so auch in Zukunft gerne weiter fortgeführt werden kann – bis man dann irgendwann den Wendepunkt erreicht hat?

Puh, Du, weißt Du was? Nach Coq au Vin, Austern und Trüffelpastete ist mir nun nach Cheesburger mit Pommes und Currywurst! Können wir endlich mal mit dem intellektuellen Gelaber aufhören und uns wie normale Menschen unterhalten?

Mensch, das ist Gedankenübertragung! Genau das gleiche wollte ich Dich auch schon fragen. Ich dachte, Du stehst auf diese Art der Konversation!

Nein überhaupt nicht! Aber man kann doch nicht mit „Wie geht’s?“ eine Unterhaltung beginnen! Das ist doch albern!

Gut, aber nun haben wir die Tiefgründigkeit hinter uns gelassen und dürfen uns als einfache Gemüter outen! Ist das nicht fast schon wie ein befreiendes Coming-Out?

Das ist wahr! Also: Wie geht’s?

Ungehobelter Klotz

Ich wusste gar nicht, dass ich so viel Tränenflüssigkeit in mir habe. Heute Abend habe ich mir „Rendezvous mit Joe Black“ angeschaut und dabei geflennt wie eine Tunte.

Aber nicht nur bei der Hollywood-Schnulze kommen mir die Tränen. Davor sah ich eine Dokumentation über die Familienrückführung von Menschen aus Nord- und Südkorea. Protagonistin war eine 91 Jahre alte Frau, die sich darauf freute, nach 67 Jahren ihren Sohn das erst Mal wieder in die Arme zu schließen. Diese Frau war einfach unglaublich, wie willensstark und lebensfroh. Sie nahm all die Strapazen, die eine solche Reise mit sich bringt, auf sich und war noch relativ gut zu Fuß unterwegs.

Ihre Tochter hingegen war weniger euphorisch: „Ich kenne ihn ja überhaupt nicht. Nein, mir bedeutet das Treffen mit meinem Bruder nichts. Was soll so ein Treffen bringen?“

Doch als der Abschied kam, hatte selbst sie Tränen in den Augen. „Er wollte sie gar nicht gehen lassen und auch Mutter wollte ihn nicht mehr loslassen!“

Solche Geschichten strapazieren meine Tränendrüsen, und ich bin froh darüber; komme ich mir doch manchmal nicht sonderlich herzlich vor. Nach außen hin, komme ich wohl nicht unbedingt als ein Ausbund an Herzlichkeit rüber. Ich mag manchmal reserviert oder gar unnahbar erscheinen, und vermutlich bin ich das auch. Doch ist das nicht gleichzusetzen mit mangelnder Empathie, hä? Oder doch? Ja, nein, Empathie ist sicher nicht das richtige Wort, eher…naja, es ist nicht gleich zu setzen mit einem rohen Klotz ohne Gefühle.

In den letzten Tagen ging es mir sehr schlecht, ich hatte Magenkrämpfe und Fieber. Zu allem Übel kam noch dazu, dass meine Mutter wegen eines Geschwürs notoperiert werden musste. Eigentlich war sie wegen einer anderen Sache im Krankenhaus, aber dann wurde das Geschwür entdeckt. Ich lag in einem Hotel und konnte erst heute nach Hause fahren. Davor fühlte ich mich zu schlecht. Während der Zugfahrt funktionierte zu meinem Leidwesen das WLAN nicht. Also musste ich mein Datenkontingent in Anspruch nehmen, um mir einen „Lolek und Bolek“-Zeichentrickfilm nach dem nächsten rein zu drehen. Denn zum Bücherlesen hatte ich zu starke Kopfschmerzen.

Warum „Lolek und Bolek“? Eigentlich ist die richtige Reihenfolge im Polnischen „Bolek i Lolek“.

Bis vor wenigen Tagen wusste ich noch gar nicht, dass es die beiden überhaupt gibt. Es war ein „Running Gag“ unserer Expertengruppe, wenn es hieß: „Lolek und Bolek“ sind noch nicht da – dabei war von zwei jungen Kollegen die Rede. „Wer ist Lolek und Bolek?“ wollte ich wissen? „Wie? Die kennst Du nicht? Das war damals so eine tschechische Zeichentrickserie! Naja, das war wohl noch nicht Deine Generation, das kann sein (Jahrgang 71)!“

Also, um nochmal klar zu stellen: Die Tschechen haben sicher eine ganze Menge ausgezeichneter Kinderfilme und Märchen produziert, aber Bolek i Lolek geht auf das Konto der Polen.

Ich war also neugierig und verliebte mich in die beiden Figuren und habe heute bestimmt schon einige Stunden den Abenteuern der beiden Frechdachse beigewohnt. Überhaupt sind mir diese simplen Zeichentrickfilme von damals lieber als dieses überdrehte Zeugs von heute, wo es nur noch um Effekte geht.

Noch ein Grund mehr, dass ich keine Angst zu haben brauche, ein ungehobelter Klotz zu sein.

Doch was bewegt mich überhaupt dazu, mich selbst in Frage zu stellen?

Ich hatte kürzlich Kontakt zu einer Frau über eine Datingapp. Sie schrieb mir, sie hätte am nächsten Tag volles Programm, vor allem, das ihr Vater eine Hüft-OP habe und sie und die ganze Familie kaum abwarten könnten, das Ergebnis der OP zu bekommen.

Ich liebe meine Mutter über alles, und ich hoffe, sie hat noch ein langes, gesundes und glückliches Leben. Aber ich mache mir um meine Mutter nicht solche Sorgen – auch nicht, wenn sie operiert wird. Ich gehe immer vom Guten aus. Und auch meine Mutter macht sich darüber nicht so viele Gedanken. Da musste ich mich dann schon fragen, ob das mit rechten Dingen zugeht.

Naja, jedenfalls hat die Frau aus der Datingapp irgendwann aufgehört, zu schreiben. Ich weiß nicht, warum. Sie wollte über Atome reden, darüber, was uns nicht schlafen lässt und warum dies und jenes passiert, wenn in China ein Sack Reis umfällt und keinen Small Talk (nach ihrem Profiltext). Eigentlich hätten mir bei solchen Sprüchen schon alle Alarmglocken läuten sollen. Mir gehen diese Profiltexte mit vollgepackten Erwartungshaltungen mittlerweile tierisch auf die Nerven und diese selbstverliebte Selbstdarstellerei ist heute in den Datingportalen leider auch schon eher die Regel als die Ausnahme. „Wenn Ihr alle so toll seid, warum habt Ihr es dann überhaupt nötig, hier bei XYZ, wo es ja angeblich nur ONS-suchende Machos gibt, nach einem Kerl Ausschau zu halten, der Euer Ego bestätigt?“ Sorry, musste ich jetzt einfach mal los werden.

Tja, und dann kommt die Frage, ob ich all diesen Erwartungen, welche die Damen an die heutigen Männer haben, noch Gerecht werden kann; ob ich nicht schon vor Beginn des Spiels verloren habe; mit meiner drögen unprätentiösen Art. Oder leben die Frauen in einer entrückten Traumwelt, tauchen für einige Wochen darin ein, um dann festzustellen, dass auch Traumprinzen nur mit Wasser kochen.

Männer haben es heute schwer. Es wird immer davon gesprochen, wie schwer es Frauen haben. Aber der Mann von heute weiß eigentlich gar nicht mehr, wie er zu sein hat. Er soll männlich sein, aber kein Macho, einfühlsam, aber keine Tunte, charmant, weltoffen, sportlich, aber kein Leistungssportler, viel Zeit haben und zugleich erfolgreich. HAAAALT! Moment, nicht so schnell, ich bin noch am Notieren! Was darf’s denn noch sein gnädige Frau?